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Stefan Baumgartner im Interview über Working Equitation

Stefan Baumgartner berichtet von seinen Erlebnissen in der Working Equitation & seiner Faszination für diese Reitweise


Über Stefan Baumgartner

Stefan Baumgartner ist nicht nur ein Working Equitation Reiter, sondern auch ein Begründer der Working Equitation in Deutschland. Er hat durch seine Leidenschaft für die iberische Halbinsel nicht nur unsere Sättel entworfen, sondern auch die Working Equitation nach Deutschland gebracht. Als Mitbegründer der Working Equitation Szene in Deutschland präsentierte Stefan Baumgartner zusammen mit unserem Team die Working Equitation auf vielen Messen und Events und organisierte 2008 eines der ersten Working Equitation Turniere in Deutschland.


Stefan, Du bist vom ersten Tag an Teil der Working Equitation in Deutschland. Wo bist Du erstmals mit der Working Equitation in Kontakt gekommen und was daran hat Dich so begeistert, dass Du beschlossen hast, diesen Sport nach Deutschland zu bringen?

Mein erster Kontakt zur Working Equitation war 2001 in Andalusien. Zufällig war ich damals zur richtigen Zeit am richtigen Ort und stolperte so in die damaligen Europameisterschaften in Paterna de Rivera. Besonders begeisterte mich schon damals die Vielfalt der verschiedenen Anforderungen, die Pferd und Reiter gestellt waren. Trotzdem spürte ich, dass es noch nicht der richtige Zeitpunkt war, diesen Sport nach Deutschland zu bringen - der Keim dafür war allerdings gelegt. 2008 gelang es mir, weitere Reiter in Deutschland vom Worker Virus zu “infizieren”: Gemeinsam mit Gernot Weber, Rolf Janzen, Roland Heiß und Roland Kunze bildete sich so eine kleine Fangemeinschaft, die stetig wuchs und zu dem wurde, was sie heute ist.

Wie hat Dich die Working Equitation als Reiter geprägt? Gibt es ein bestimmtes Erlebnis, dass Dir im Gedächtnis geblieben ist und Deinen persönlichen Reit- oder Ausbildungsstil geprägt oder verändert hat?

Tatsächlich gibt es ein ganz bestimmtes Erlebnis, was mich besonders geprägt hat. Damals im Süden von Andalusien kam ich per Zufall an einer Venta vorbei – das ist ein kleines Gasthaus, oft zu finden an ländlichen Straßen. Davor saßen einige Reiter auf ihren Pferden, einhändig gezäumt mit einem Glas Wein in der Hand und einer nach dem anderen präsentierte sich gegenseitig Lektionen und Kunststücke der Doma Vaquera, während die anderen zusahen. Diese Lässigkeit und der Lebensstil mit Pferd faszinierte mich als damals “klassischen” Reiter einfach enorm.

Auf den ersten Blick scheinen die Anforderungen an ein Working Equitation Pferd ziemlich vielfältig zu sein. In den Teildisziplinen wird sowohl eine Dressuraufgabe gefordert, unterschiedlichste Trail Hindernisse werden sowohl unter Dressur-kriterien als auch im Speed schnellstmöglich und fehlerfrei gefordert– und in der vierten Disziplin zeigen Pferd & Reiter ihr Können beim Separieren eines Rindes von einer Rinderherde. Wie schafft man es, ein Pferd auf so viele unterschiedliche Herausforderungen vorzubereiten?

Grundvoraussetzung eines Working Equitation Pferdes ist eine vollumfängliche Dressurausbildung und ein vertrauensvoller “Gehorsam” des Pferdes zum Reiter. Die umfangreichen Anforderungen erfordern zudem eine mentale Ausbildung des Pferdes und die Voraussetzung, alle reiterlichen Manöver in jeder Situation und Umgebung abrufen zu können - bis dahin ist es ein langer Weg.

Unterscheidet sich die Ausbildung des Working Equitation Pferdes in der Dressur von einem klassisch ausgebildeten Pferd?

Ja, im Sinne der Zielsetzung entscheidet sich die Ausbildung erheblich. Am Ende der Working Equitation Ausbildung stehen die gleichen Lektionen wie bei der Dressurausbildung - aber einhändig geritten. Man erwartet zudem eine kürzere Reaktionszeit, erheblich mehr Elastizität und Wendigkeit, um die vielseitigen Disziplinen erfolgreich meistern zu können. Bis zur Klasse L entspricht der Ausbildungsweg jedoch dem der klassischen Reitlehre.

Ich kann mir vorstellen, dass einzelne Pferdetypen (ängstliches vs. dominantes Pferd…) ganz unterschiedlich auf die einzelnen Trail Hindernisse reagieren können und es dort auch zu Herausforderungen oder gar Problen zwischen Pferd und Reiter kommen kann. (z.B. Pferd will nicht über die Brücke). Wie gehst Du als Ausbilder an solche Herausforderungen heran und wie wird das Pferd dabei zum Partner des Reiters?

Selbstverständlich geht man bei Training und Ausbildung individuell auf Stärken und Schwächen des Pferdes ein. Grundsätzlich jedoch ist das Grundvertrauen zwischen Pferd und Reiter für jedes Hindernis die Voraussetzung - und das muss bereits im Vorhinein, bevor man beginnt im Trail an den Hindernissen zu üben, im Alltag und Zusammenleben mit dem Pferd erarbeitet werden - sonst werden diese Schwachstellen im Parcours sehr deutlich. Das fängt bereits im ganz Kleinen an: Am Beispiel Brücke lässt sich dies erläutern. Die Brücke selbst kann man als finale Prüfung des Pferd-Reiter-Paares sehen - die Vorstufen sind jegliche Farb- und Belagsunterschiede des Bodens, über den das Pferd täglich mit seinem Reiter geht. Sind die Vorstufen nicht routiniert, wird das Paar auch die finale Prüfung nicht bestehen.

Welche Erfahrungen hast Du als Trainer und Ausbilder mit unterschiedlichen Pferdtypen in der Ausbildung in der WE gemacht und wie wirkt sich das Training an den Hindernissen idealerweise auf die Psyche des Pferdes aus?

Als Ausbilder kann man sagen, dass die unterschiedlichsten Pferdetypen vom Training der Working Equitation profitieren. Viele Pferde haben dadurch mehr Spaß an der Arbeit, da sie einen Sinn in den Übungen sehen - zum Beispiel läuft ein Pferd meist deutlich besser eine Volte um eine Tonne als dieselbe Volte ohne, um einen Gegenstand herum zu laufen. Das einhändige Üben, auch in den niedrigen Klassen (z.B. Hütchen umsetzen, Garrocha aufnehmen) fordert einerseits das Gleichgewicht des Reiters, wie auch die unabhängige Zügelführung. Eher ängstliche Pferde bekommen mehr Selbstbewusstsein durch anwendungsorientierte Lektionen und Erfolgserlebnisse. Trotzdem muss wiederholt werden, dass der Grundstein des Vertrauens bereits gelegt sein und geübt sein muss, bevor sich das Paar an die Hindernisse wagt - genauso wie die grundbasierte Dressurausbildung des Pferdes.

Welche Vorteile und Bereicherungen bringt die Ausbildung eines WE Pferdes aus Deiner Sicht in das tägliche Training von Pferd und Reiter ein?

Es steht ein vielseitiges Reitpferd in allen Lebenslagen zur Verfügung, was alles in einem guten Rahmen für den Reiter tun wird und in allen Lebenslagen verlässlich sein wird. Ich nenne dies liebevoll das “hochambitionierte Freizeitpferd”.

Wenn Du Dein Idealbild eines Working Equitation Pferd beschreiben würdest, was würde es ausmachen? Muss es diese Eigenschaften dabei schon in sich tragen, oder sind diese Eigenschaften aus Deiner Sicht auch ein Ergebnis der Ausbildung eine WE Pferdes?

Sowohl als auch. Wie so oft im Sport (aber besonders bei vielfältigen Disziplinen) gilt: körperliche Vorzüge sind nicht ausschlaggebend, das Herz muss am rechten Fleck sein. Dies spiegelt sich auch in den Bewertungskriterien auf dem Turnier wider: Wichtig sind hier nicht raumgreifende Bewegungen, sondern Kriterien, die JEDES Pferd erfüllen kann, ohne an körperliche Grenzen gebunden zu sein. Wichtig ist zudem, dass das Pferd zu seinem Reiter passt. Eine angeborene Neugier und Entdeckungsfreude & Mut sind sicherlich hilfreiche Eigenschaften, auch das kann sich aber durch die Ausbildung und das wachsende Vertrauen beeinflussen lassen.

Gibt es einen Ausbildungsbereich in der Working Equitation, der Dir ganz besonders viel Spaß macht? Wenn ja, welcher ist es und was daran begeistert Dich?

Die Rinderarbeit. Auch diese lässt sich als finale Prüfung sehen: Das Pferd muss seinem Reiter vertrauen, an den Hilfen stehen, zuhören und der Reiter strategisch vorgehen und genau wissen, wie und warum sich das Rind in seiner Herde bewegt. Der Glücksfaktor ist hier, entgegen dem, was man denken mag, eher gering.

Was würdest Du einem interessierten Reiter raten, der gerne mit seinem Pferd in die Working Equitation einsteigen möchte, wo und wie kann er damit anfangen?

Ich würde bei Interesse empfehlen, als erstes einmal die Webseite vom WED e.V. zu besuchen oder die diversen Regionalgruppen zu kontaktieren, um in seinem Umkreis Gleichgesinnte zu finden. Am schnellsten schnuppert man in den Sport rein, indem man bei einem routinierten, vom Verein gelisteten Trainer einen Kurs besucht. Hindernis ist nicht gleich Hindernis: es gibt für alles sehr genaue Leitlinien, wie es zu bewältigen ist und es ist wichtig, dass der Trainer hier Routine mit verschiedenen Pferdetypen hat und dem Reiter Sicherheit geben kann. Durch die wachsende Popularität gibt es natürlich auch immer mehr “Trittbrettfahrer” - das führt spätestens auf dem Turnier dann oft zu ärgerlichen Erlebnissen, wenn Dinge falsch beigebracht wurden. Zudem sollte der Trainer auf Gefahren und Verletzungsrisiken hinweisen und nur sachgemäße Hindernisse zum Training zur Verfügung stellen, die bei Berührung abgeworfen werden können.

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